Der Fall Irland

Um zu erkennen, dass es der irischen Wirtschaft nicht gut geht, muss man keine Wirtschaftswissenschaften studiert haben. Ein Blick in die Zeitung reicht da vollkommen aus. Denn in Europa geht wieder die Angst vor einem möglichen Dominoeffekt um. Von einem zweiten Griechenland wird da gesprochen, obwohl sich die Probleme beider Länder nicht miteinander vergleichen lassen. Während Griechenland jahrelang über seine Verhältnisse gelebt hat und auch über keine zufriedenstellende Produktion verfügt, kann Irland mit einer hohen Exportquote punkten. Vor allem die Argrar- und Pharmazeutischen Industrie, sowie die Zink-, Blei-, und Erdgasförderung geben Hoffnung auf möglichst rasche Genesung. Irlands Probleme sind an anderer Stelle zu finden: im Finanzsektor. Dieser lässt sich freilich als marode bezeichnen, weshalb die grüne Insel unter den Folgen der Wirtschaftskrise besonders zu leiden hatte – und immer noch hat, wie man derzeit schmerzlich feststellen muss.

Die Angst vor dem „Bankrun“ wächst

Wie das Handelsblatt gestern berichtete, zogen Großkunden in den letzten Monaten immense Mengen an Geldern aus den irischen Banken ab. Analysten der Citigroup gehen von 17,3 Milliarden Euro aus, die seit April den Geldhäusern verloren gingen. Dies entspräche knapp neun Prozent der gesamten Einlagen. In Brüssel hieß es, dass diese Entwicklung der Hauptgrund für die Inanspruchnahme der Gelder vom Internationalen Währungsfonds (IWF) und dem Rettungsfonds der EU sei. Deswegen würden die Banken nun schleunigst frisches Geld benötigen. Der Chef des weltgrößten Anleihefonds Pimco, Mohammed El Eria, warnte vor einem „größeren Ansturm auf die Banken“, sollte man den finanziellen Tumult in Irland nicht schnell in den Griff bekommen.

Experten gehen davon aus, dass Irland zwischen 25 und 35 Milliarden Euro in die Sanierung seiner Banken investieren muss. So plant Dublin wohl die Eigenkapitalquote von 10,5 auf zwölf Prozent aufzustocken. Allein beim zweitgrößten Finanzinstitut des Landes, der Allied Irish Banks, würde das die Staatsbeteiligung auf fast 100 Prozent treiben. Ähnlich sieht es bei der Bank of Ireland aus, Schätzungen zufolge würden die Finanzspritzen die Regierungsbeteiligung auf über 50 Prozent anheben und die Bank damit de facto verstaatlichen. Andere Institute haben diese Schritte bereits hinter sich: die Anglo Irish Bank und die Bausparkassen Irish Nationwide Building Society und Educational Building Society befinden sich bereits in Staatshand. Die EU und IWF drängen Dublin nun dazu den Bankensektor „gesundzuschrumpfen“, indem sich die Institute von Geschäftsteilen trennen und größere Kreditpakete verkaufen sollen.

Staatliche Bürgschaften in Höhe von 483 Milliarden Euro

Die Anfänge dieser düsteren Entwicklungen sind im Platzen der irischen Immobilienblase 2008 zu finden, da die Banken damals zu stark auf das Hypothekengeschäft setzten und bei ausbleibenden Kreditzahlungen der Kunden in eine existenzbedrohende Lage gerieten, aus der sie sich bis heute nicht befreien konnte. Um den drohenden ökonomischen Zusammenbruch zu verhindern, musste eine staatliche Bürgschaft für die gesamten Bankeinlagen abgegeben werden. Deren Summe entspricht mit rund 483 Milliarden Euro der jährlichen Wirtschaftsleistung des Landes. Dublin steckte bislang knapp 50 Milliarden Euro in die Sanierung seines Finanzsektors, was jedoch die Märkte nicht sonderlich beruhigte. Die Ratingagentur Fitch warnte kürzlich erst vor einer „fast vollständigen Abhängigkeit“ der Finanzinstitute durch die Europäische Zentralbank (EZB), wie das Handelsblatt berichtet.

Der irische Unmut richtet sich nicht zuletzt gegen den immensen deutschen Druck, die Staatshilfen in Anspruch zu nehmen. Dieser Druck rührt nicht von ungefähr – laut einem Bericht von heute.de belaufen sich die deutschen Forderungen gegenüber Irland auf knapp 115 Milliarden Euro: „Wir profitieren davon, dass die Iren jetzt Geld in Brüssel beantragen“, wie ein hochrangiger deutscher Banker aus Frankfurt am Main einräumt. Dieses Bild lässt sich auch auch auf „Wackelkandidaten“ im Euroraum übertragen: in den vier von der Krise am stärksten betroffenenen Staaten (Griechenland, Irland, Portugal und Spanien) haben deutsche Banken insgesamt über 350 Milliarden Euro investiert, so viel wie Banken aus keinem anderen Land.

Antideutsche Stimmung

Weit über die irischen Landesgrenzen hinaus macht sich deshalb derzeit eine Art antideutsche Stimmung breit. „Quer durch die EU“, wie die britische Tageszeitung The Guardian berichtet, „gibt es Beschwerden über ein neues deutsches Europa.“ Diesem Tenor würden sich Skandinavien, die Niederlande und Österreich anschließen. „Die Franzosen haben kapituliert, während die Briten nur noch Zuschauer sind, immer unengagierter und nicht beachtet.“ Dass der derzeitige Bundesbankpräsident und „deutscher Hardliner“ Axel Weber als möglicher nächster Präsident der Europäischen Zentralbank im Gespräch ist, wird nicht gerade zu einer Entspannung der Lage beitragen. In der EU hofft man nun auf die Franzosen. Der sei, als einziger Staat der den Durchmarsch Berlins stoppen könne, dazu jedoch noch nicht bereit, resümiert der Direktor der Denkfabrik „Centre for European Reform“ in London: „Die Franzosen fürchten sich vor der deutschen Euroskepsis, vor dem deutschen Wirtschaftserfolg, davor, dass die Deutschen das Ding mit Russland und China alleine drehen – deshalb werden sie mit Berlin gehen“, erklärt Charles Grant. „Die Deutschen sind wieder auf dem Fahrersitz.“

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