Nötigung: Über eine Million berufstätige Rentner

(Bild) Altersvorsorge RentnerAm Dienstag tritt eine neue Regelung in Kraft, wonach Arbeitnehmer unter Umständen schon mit 63 Jahren abschlagsfrei in die Rente gehen können. Dennoch gehen immer mehr Senioren auch jenseits der 65 weiter arbeiten, um einer drohenden Altersarmut zu entgehen. Derzeit sind es mehr als eine Million, was etwa jedem 20. Rentner gleichkommt.

142.000 Minijobber sind über 74

Eine aktuelle Statistik der Bundesagentur für Arbeit zeigt, dass erstmals mehr als eine Millionen Arbeitsplätze von Arbeitnehmern über 65 besetzt sind. Auffällig ist, dass die Arbeitnehmer im Rentenalter vor allem in nicht sozialversicherungspflichtigen Jobs angestellt sind. Demnach waren im September 2013 bundesweit etwa 855.510 Senioren über 65 einem Minijob nachgegangen. 142.000 der Minijobber war sogar älter als 74 Jahre. Doch Senioren gehen nicht nur in Rahmen von Minijobs weiter arbeiten: 188.800 Rentner, die älter als 65 sind, gingen im vergangenen Jahr sogar einer Vollzeitbeschäftigung nach. Und es werden immer mehr: Nicht nur bei Vollzeitstellen, sondern auch bei Minijobs ist die Zahl der beschäftigten Rentner seit 2012 deutlich angestiegen.

Wachsende Arbeitsarmut droht

Diese Zahlen untermauern eine tendenzielle Entwicklung, die in der Bundesrepublik bereits seit Jahren andauert: Immer mehr Deutsche gehen, trotz ihres fortgeschrittenen Alters, weiter arbeiten. Dem Sozialverband VdK zufolge deutet dies auf eine wachsende Altersarmut hin. Der Paritätische Wohlfahrtsverband schätzt, dass 2025 jeder zehnte Rentner auf staatliche Hilfe angewiesen sein wird. Zahlen des Bundesarbeitsministeriums zeigen, dass die Kosten für eine Grundsicherung in den nächsten Jahren stark ansteigen werden. Erwartungsgemäß werden diese bis 2018 etwa 7,2 Milliarden Euro betragen. Zum Vergleich: Aktuell belaufen sich die Grundsicherungskosten auf 5,493 Milliarden Euro. 2013 trug der Steuerzahler daran zusätzlich 80 Milliarden Euro Rentenzuschuss.

Solidarische Lebensleistungsrente statt Minirente

2013 betrug die durchschnittliche Grundsicherung rund 707 Euro. Für viele reicht diese Summe allerdings nicht aus, um sich ausreichend versorgen zu können. Aufgrund dessen plant die Bundesregierung ab 2017 eine „solidarische Lebensleistungsrente“ einzuführen. Diese soll in erster Linie Senioren unterstützen, die wegen ihres niedrigen Verdienstes nur eine Minirente erhalten, obwohl sie lange in die Rentenkasse eingezahlt haben. Rentner, auf die das zutrifft, erhalten ab 2017 eine Rente in Höhe von 850 Euro. Dass diese Maßnahme die wachsende Altersarmut bremsen kann, wird jedoch von einigen Politikern angezweifelt.

Rentner sind billige Experten für die Wirtschaft

Noch schärfere Kritiker werfen der Regierung vor, sie bereite eine neue Klasse „billiger Experten“ vor und beabsichtige die Arbeitsarmut. Dahinter steht folgende Überlegung: Ähnlich wie Firmen immer wieder Praktikanten einstellen, um kostenlos Mitarbeiter beschäftigen zu können; würden Rentner zu einer Zukunftsressource formiert. Der Unterschied ist, dass die Rentner, die aus finanziellen Gründen zur Arbeit genötigt sind, eine erstaunliche Berufserfahrung mitbringen. Dennoch können die Unternehmen sie für lau einstellen, da sie angesichts des Alters auf dem Arbeitsmarkt kaum noch andere Chancen haben. Greift die Wirtschaft also längst schon die billigen Arbeitskräfte vor dem Berufseinstieg ab und entlohnt die frisch Studierten und Gelernten kaum bis gar nicht, so ist man nun auch auf die Menschen nach dem Berufsausstieg aufmerksam geworden. Eine verschwenderische Rentenpolitik, die sich nicht finanzieren lässt, spült diese neue „Rentnerressource“ der Wirtschaft in die Arme. Geraten wir an eine gesellschaftlich neue Form der Ausbeutung?

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